Die Sonnenseiten
Von:Besenstiel
Alltagsgeschichten von Pflümli und Besenstiel.
Pflümli:
Diese Woche hatte Besenstiel mich dreimal zu spät geweckt. Wenn das geschieht, muss ich mich immer so beeilen und das Frühstück hinunterschlingen. Das hat mich sticksauer gemacht. Auch in der Schule gabs Stunk; ich erhielt einen Arrest, weil ich eine Entschuldigung, die ich einem Jungen hätte schreiben sollen, nicht geschrieben habe. Aber auch er hatte keine Entschuldigung geschrieben. Er hatte mir nämlich gesagt «So einer Lusche schreibe ich doch keine Entschuldigung», deshalb verweigerte ich sie.
Die Lehrerin wollte dies aber nicht hören. «Keine Beschuldigungen!», mahnte sie. Nun muss ich mit dem zusammen nachsitzen. Ich hatte ihn «Schwob» genannt (er ist aus Deutschland) und er mich «Affe», und er hat mich angespuckt.
Ansonsten habe ich wieder eine gute Note in Französisch und Deutsch nach Hause gebracht, ein M-H, was einer 5 – 6 entspricht und 6 ist das Beste. Und nächste Woche starten wir unsere Projektwoche, da habe ich einen Workshop über Musik produzieren und italienisch Kochen. Auf diese Kurse freue ich mich riesig!
Besenstiel:
Wenn alles in Weiss getaucht ist und in der Sonne glitzert, möchte ich am liebsten die Kälte vergessen, die dieses Bild begleitet. Wenn Pflümli nach ihrem Trotzanfall sich wieder bei mir anschmiegt und manchmal »Baby» spielt, habe ich all ihre Unflätigkeiten wieder vergessen. Wenn ich mich mit einer hartnäckigen Erkältung in die Schule schleppe und sehe, wie meine Kursteilnehmer - pünktlich auf ihren Stühlen - mit erwartungsvollen Augen auf mich warten, werden Kräfte mobilisiert, die ich nicht für möglich halten würde, wären da nicht diese Sonnenseiten.
Welches Glück, eine Arbeit ausüben zu dürfen, die Spass macht! Welch ein Glück, ein Kind ins Erwachsenenalter zu begleiten! Mit den Schattenseiten muss man lernen umzugehen. Auch mit Sonnenseiten übrigens. Denn die Sonnenseiten, oft auch Erfolg genannt, verlangen auch einiges ab. Viele schaffen nicht mal das, wie denn erst, wenn die Schattenseiten über sie hereinbrechen?
Pflümli hat in ihren jungen Jahren bereits gelernt, einige Schattenseiten souverän anzugehen, das wird ihr im Erwachsenenleben helfen. Darum muss ich sie nun trimmen, auch mit «Erfolgen» gut umzugehen. In diesem Fall nicht «auf den guten Noten» sitzenzubleiben, sprich, sich auf keinen Fall auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Dann kommt schon alles gut.
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